Predigt zu 1.Kor 1,18-25
anlässlich der Einweihung des neues Altarkreuzes

Liebe Gemeinde,

I. Das Kreuz - ein Ärgernis für uns

wie geht es Ihnen, wie geht es euch, wenn Ihr nun auf das neue Kreuz seht? Die einen freuen sich, dass es endlich da ist. Aber die meisten - schätze ich - wissen noch nicht so recht, was sie davon halten sollen. Das soll es nun sein? Und dafür haben wir solange gewartet? Ob wir nicht doch bei dem alten Kreuz hätten bleiben sollen? Oder was Imposanteres hätte es doch auch sein können. Ein Kreuz, das was her macht. Oder wenigstens etwas auffälliger, ansprechender gleich beim ersten Blick.

Fragen und Zweifel, mit denen wir uns in guter Gesellschaft befinden. Nicht nur dieses Kreuz hier konfrontiert uns mit diesen Fragen und Zweifeln, das Kreuz an sich tut es schon, und das seit fast 2000 Jahren. So sagt Paulus in seinem 1.Brief an die Gemeinde von Korinth:

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft.  (...) Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Der gekreuzigte Christus - ein Ärgernis und eine Torheit.

Wir Menschen tun uns schwer mit dem Kreuz. So hat es sich auch unsere Gemeinde nicht leicht gemacht damit. Die beiden Entwürfe, das Glaskreuz und das Holzkreuz, erregten gleichermaßen die Gemüter. Die Reaktionen waren heftig und manche hatten schon Sorge, die Gemeinde könnte gespalten werden. Was wir daran merkten: das Kreuz war kaum jemandem egal, aber die Vorstellungen sehr unterschiedlich. Und damit befanden wir uns in guter Gesellschaft, wie der Blick in die Kunstgeschichte zeigt. Doris Käser hat vor 10 Tagen dazu einen sehr interessanten Einblick gegeben. Da reichen die Beispiele vom Kreuz als Zeichen der Verspottung bis zum Siegeszeichen, vom Zeichen der Gottverlassenheit bis zum Zeichen des Erbarmens und der Versöhnung, vom Zeichen der Schuld bis zum Zeichen der Verbundenheit. Und schon immer war auch das Kreuz ein Ärgernis und eine Torheit, v.a. wenn es nicht den gängigen Vorstellungen entsprach.

II. Das Kreuz - ein Ärgernis für alle

Nichts anderes stellte Paulus vor 2000 Jahren fest. Wir Menschen tun uns schwer mit dem Kreuz. Denn letztlich stellt es alles in Frage, was sonst zu zählen scheint. Es zeigt uns keinen Gott, der allmächtig aus der Theaterkulisse donnert oder über allem unanfechtbar thront und schwebt, sondern einen Gott, der sich hinrichten lässt. Töricht, gerade zu dumm in den Augen vieler, die gelernt haben, sich um jeden Preis durchzusetzen. Eine verrückte Idee der Christen, ausgerechnet das Kreuz zum Glaubenszeichen zu erklären. Wer kann sich schon damit arrangieren, mit diesem Zeichen der Niederlage, der menschlichen Brutalität, dem bitteren Ende Jesu? Zu sehr durchkreuzt es all unsere Bilder von einem siegreichen Gott. Zu sehr führt es uns vor Augen, dass Lebensentwürfe scheitern, dass Menschen an das Ende ihrer eigenen Möglichkeiten kommen, dass Menschen

Abschied nehmen müssen von alten Sicherheiten. In einer Welt der Macht und Stärke ist das Kreuz das absolute Gegenzeichen, töricht und ärgerlich steht es für Schwäche und Gottverlassenheit. Es durchkreuzt unsere Maßstäbe und stellt die Werte auf den Kopf.

III. Das Kreuz hat menschliche Dimension

Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den einen ein Ärgernis und den anderen eine Torheit - warum tun wir das? Weil sich gerade im Kreuz Gottes Kraft und Weisheit spiegelt, sagt Paulus. Gerade in diesem Zeichen der Schwäche und der Niederlage zeigt sich Gottes Stärke. Was meint Paulus damit? Das Kreuz verbindet Gott und Mensch, vereinigt alle Gegensätze, ist Zeichen für Gottes Verlassenheit und Gottes Gegenwart zugleich. Dietrich Bonhoeffer hat es einmal so beschrieben: „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohmächtig und schwach und nur so ist er bei uns."

Schauen wir uns das Kreuz hier auf dem Altar an:

Auf dem ersten Blick, wenn man in die Kirche kommt, scheint es kaum sichtbar zu sein - wie herausgedrängt aus der Welt, in der für Schwäche und Mitmenschlichkeit kein Platz ist. Und doch ist es da - und auf dem 2.Blick auch nicht mehr zu übersehen. Es irritiert, weil es sich nicht sofort erschließt. Es steht nicht triumphierend da, sondern leicht gekrümmt und verdreht.

Ein Kreuz mit menschlicher Dimension - so betitelte es Jörg Büsche im Südkurier. Genau das ist es. Es steht da, wie ein Mensch mit ausgebreiteten Armen, der sich gerade zuzuwenden scheint. Dieses menschliche Kreuz ist nicht makellos, sondern trägt seine Spuren mit sich, die Kerben, die Maserungen, sogar der eine oder andere Spreißen. Der Querbalken scheint gar nicht richtig verbunden zu sein. Aber er wird getragen.

Dieses Kreuz ist unssymmetisch und einzigartig, so ein Kreuz wird es nicht wieder geben, weil sich kein Holz zweimal auf dieselbe Weise spalten lässt. Die Senkrechte scheint nach oben zu streben, was man aber vor allem von der linken Seite aus sieht. Von der rechten Seite aus sieht es kraftvoller aus. Wie ein Mensch zeigt das Kreuz den Betrachtenden ganz unterschiedliche Seiten, und je nachdem, wie wir uns selber fühlen, wird das Kreuz ganz unterschiedlich auf uns wirken. Die einen sehen die Kraft, die ihnen selbst fehlt, die anderen sehen vielleicht eher die Spuren und Makel, die ihnen helfen, die eigenen Makel anzunehmen. Die einen sehen, wie sich das Kreuz ihnen zuwendet, die anderen vielleicht eher, wie das Kreuz aufstrebt. Die einen sehen nur das Holz, das eigenartig geformt ist, die anderen sehen den Menschen, der sich darin verbirgt.

„Der Mensch ist Kreuz", sagt Anselm Grün. Und an diesem Kreuz hier wird es sichtbar. Die Senkrechte verbindet Himmel und Erde, wir Menschen stehen mit beiden Füßen auf der Erde und streben doch nach dem Himmel, nach Gott, nach Gerechtigkeit und Frieden. Diese Sehnsucht hält uns aufrecht, sonst kriechen wir nur auf dem Boden, beschäftigt allein mit uns selbst. Aber wenn wir die Bodenhaftung verlieren, schweben wir in himmlischen Sphären, fern ab der Wirklichkeit. Unsere Sehnsucht hat dann keinen Grund mehr. Wir brauchen den Kontakt zu beidem, zu Himmel und Erde. Und doch scheint uns die Sehnsucht nach dem Himmel schier zu zerreißen, angesichts der rauhen Wirklichkeit der Welt.

Da ist dann auch die Waagerechte wichtig: wenn wir unsere Arme ausbreiten, sind wir offen und verwundbar und setzen uns der Welt aus. Nur so können wir mit anderen Menschen zusammenkommen, nur so können wir solidarisch sein. Aber manchmal werden wir auch hin und her gerissen, wissen nicht, wem wir uns zuerst zuwenden sollen, weil so viele Menschen unsere Nähe brauchen. Dann geraten wir vielleicht in Schieflage und es ist gut, dass die Senkrechte da ist, die uns stabil hält durch den Kontakt zu Himmel und Erde.

IV. Das Kreuz zeigt Gott

Das Kreuz mit menschlicher Dimension - wo bleibt die göttliche? Gott wurde Mensch - ganz und gar - nicht nur in der Krippe, sondern auch und gerade am Kreuz. Gott steht nicht über dem Menschen, sondern tritt an unsere Seite. Mit Jesus ist Gott mittendrin. Kein Mensch mit seinen Leiden und Schrammen ist vergessen von Gott. Und so müssen wir auch nicht mehr stark sein. Das Kreuz befreit uns von der Illusion einer leidfreien Welt. Wir müssen das Potenzgehabe und die Machtspiele, die unseren Alltag regeln wollen, nicht mehr mitmachen. Denn Gott stellt sich auf die Seite des Schwachen und Gedemütigten und richtet ihn wieder auf. Gott sagt Nein zu allem, was Menschen uns an Leid und Lebensfeindlichkeit zufügen. Er antwortet nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe. Seine vermeintliche Schwäche ist seine Stärke. Seine vermeintliche Torheit ist seine Weisheit. Und genau darin liegt die Kraft des Wortes vom Kreuz, gerade weil sie quer zu unseren krankmachenden Maßstäben steht - es befreit uns von ihnen.

Jesus der wahre Mensch hat diese Weisheit Gottes gelebt und ist dafür gestorben. Das Kreuz zeigt ihn, den wahren Menschen. Gott bekennt sich zu diesem wahren Menschen, zu dem Leidenden, Sterbenden, Gequälten und Gedemütigten. Er bekennt sich zu dessen Liebe und Gewaltlosigkeit und lässt die Gewalt und den Tod nicht das letzte Wort über ihn haben. Darum lässt Gott Jesus nicht im Tod. Das Kreuz ist leer. Gewalt und Tod haben keine Macht mehr. Gott sagt Nein zu Tod und Gewalt. Aber Ja zu Jesus. Gott sagt Ja zum Menschen.

V. Das Kreuz bleibt ein Ärgernis

Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind. Und doch bleibt der gekreuzigte Christus ein Ärgernis und eine Torheit. Wir Menschen tun uns immer noch schwer mit dem Kreuz. Wir werden es immer schwer haben - das liegt an diesem Symbol selbst, das so viele Gegensätze in sich birgt: Ja und Nein, Liebe und Gewalt, Nähe und Ferne, Einsamkeit und Gemeinschaft, Himmel und Erde, Gott und Mensch. Das Kreuz entzieht sich uns und gibt uns doch Halt. Am Kreuz kommen wir mit all unseren Gegensätzen mit Gott zusammen. Wir sind nie ohne Gott. Denn Gott sagt Nein zu den Maßstäben unserer Welt, aber Ja zu uns.

Unser neues Altarkreuz sagt nichts anderes. Ich wünsche uns, dass wir uns darauf einlassen können - damit uns das Wort vom Kreuz zur Gotteskraft werde.

Amen.

 

Markdorf, den 2. April 2006 - Pfarrerin Christiane Quincke

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