Wunder gibt es immer wieder - wirklich?!
„Wunder der Heilung“ Predigtmanuskript zu Johannes 5,1-9
von Pfr.Andreas Quincke, Markdorf
anlässlich der Predigtreihe 2009 in der Regio-Ost (Februar 2009)
Liebe Gemeinde,
voller Wunder ist unsere Sprache: Wundervoll - wunderbar - wunderlich - sich wundern heißt es da. Oder: Du wirst dich noch wundern - an Wunder glaub ich nicht - du wirst noch dein blaues Wunder erleben - glaubst du an Wunder? Wir haben eigentlich täglich Umgang mit Wundern - zumindest nehmen wir das Wort erstaunlich oft in den Mund.
Der Begriff Wunder hat sehr viele verschieden Facetten. Heute soll es um das Wunder der Heilung gehen. Heilungswunder spielten eine große Rolle bei Jesu Wirken, aber auch heute noch - davon bin ich überzeugt.
Was heißt das aber, „heil werden“?
Von dieser Frage unterscheiden möchte ich die Frage des Geheilt werdens im medizinischen Sinne. Wenn jemand ein Bein gebrochen hat oder eine andere körperliche Verletzung erlitten hat, dann können wir das - mithilfe unserer modernen Medizin - meistens wieder recht gut heilen im Sinne von beheben. Schwieriger wird es, wenn Menschen aufgrund von körperlichen Defekten erkranken, die z.B. vererbt sind, oder wenn jemand völlig unvermittelt an Krebs erkrankt, ganz besonders in noch jungen Jahren. In solchen Fällen fühlen wir uns der Krankheit und dem Leiden besonders ohnmächtig ausgeliefert, verstehen den Sinn nicht. An diesem Punkt kann uns auch die Medizin nicht weiterhelfen, und es wird uns schmerzlich bewusst: Unser Leben ist sehr verletzlich. Und wir müssen eingestehen: Wir haben es nicht in der Hand, ob wir heil werden. Nicht nur äußerlich - auch innerlich.
Andererseits leben wir heute in einer Welt, in der man versucht, alles rational zu erklären. Und das, was mit der Vernunft nicht erklärbar ist, existiert dann für uns eben nicht. Insofern bleibt das schulmedizinische Heilen meist nur sehr unvollkommen - und dringt nicht wirklich in unser Inneres vor.
Viele unserer Krankheiten jedoch, wenn nicht sogar die meisten, hängen sehr eng mit unserem Innersten, mit unserer Seele zusammen. Wir lassen uns fesseln von inneren und äußeren Zwängen und Kräften - und das macht uns krank, oder es drückt uns nieder, lähmt uns oder macht uns sogar blind.
So kommt es oft vor, dass wir zwar äußerlich heil scheinen, uns aber dennoch nicht heil fühlen. Andererseits können wir immer wieder Menschen begegnen, die zwar äußerlich stark beeinträchtigt sind von einer Krankheit oder Behinderung - die aber überhaupt nicht krank oder leidend erscheinen, sondern sehr heil und gesund.
Vielleicht ist es vor allem eine Frage der Perspektive oder der Glaubenshaltung, was ich als krank oder gesund ansehe, was ich als Unheil / Leiden und was als Heil ansehe. Es ist kaum möglich, Gesundheit, Heil sein von außen objektiv festzustellen. Wie oft kommt es vor, dass Menschen sich sehr krank fühlen, die Ärzte bei ihnen aber nichts feststellen können!
Die wichtigste Frage ist darum in meinen Augen: Wie nehme ich selbst meine Gesundheit oder Krankheit war ? Sehe ich wirklich, ob ich krank oder gesund bin? Kann ich meine Verletzungen, meine Behinderungen zeigen, zulassen?
Jesus hat es verstanden, den Menschen genau in dieser Frage zu begegnen. Er war kein Zauberer und Wundertäter, sondern viel mehr Einer, der den Menschen half, wirklich heil zu werden, von innen heraus. Hören wir auf eine zenrale biblische Heilungsgeschte aus dem Johannesevangelium im 5.Kapitel, wo genau dies geschieht:
1 (Danach) Es war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
(Spätere Einfügung: 3b-4): Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg,nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.
5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. 6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Ein merkwürdiger Ort, dieser Teich Betesda. „Haus der Barmherzigkeit“ heißt der Name übersetzt. Und dennoch geht es hier ziemlich unbarmherzig zu für alle, die nicht schnell genug am Wasser sind, nachdem es bewegt wurde - denn es kann immer nur einer zur Zeit geheilt werden - so jedenfalls war der Volksglaube damals.
Fünf Hallen gibt es dort, mit Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten. Einer von ihnen wird genannt. Einer, der sich schon 38 Jahre dort befindet und darauf wartet, dass sich das Wasser bewegt - für ihn! Doch da bewegt sich gar nichts!
38 Jahre darauf warten. Das ist schon unglaublich!
38 Jahre bewegungsunfähig darauf warten, dass sich doch etwas bewegt im Leben.
38 Jahre irrsinniges Hoffen auf das große Wunder, das alles verändert.
38 Jahre Erstarrung, umgeben mit Blindheit, Lahmheit und Ausgezehrten.
Gewohnheit hat sich breit gemacht. Versunken in der Krankheit. Krankheit als Lebensinhalt.
Wie kann man das aushalten? Wie kann man nur so leben? Wie kann man nur im Warten auf das große Wunder so erstarrt sein? - so sind wir geneigt zu fragen.
- Doch von außen läßt sich das immer so leicht sagen. Von außen betrachtet ist es immer viel leichter, zu sehen wo sich bei anderen die Erstarrung breitmacht, wo Krankheiten lähmen, wo Hoffnung irrationale Züge annimmt.
Wenn man aber selbst einmal drinsteckt in der Bewegungslosigkeit, im Ausharren im Erdulden, und Abwarten. In dem Gefühl, in meinem Leben gibt es keine Bewegung mehr, es bewegt sich einfach nichts mehr - dann ist das alles schon nicht mehr so leicht. Dann kann es unglaublich schwer werden, neue Wege zu finden, heraus aus der Krankheit, heraus aus der Lähmung.
Viele Beispiele von Bewegungslosigkeit kennen wir:
Im Beruf bewegt sich nichts mehr. Die Möglichkeiten zur Kreativität scheinen ausgeschöpft. Niemand scheint sich wirklich für meine eigenen Fähigkeiten zu interessieren. Eigentlich ist es doch egal, ob ich mich einsetze oder nicht. Aber vielleicht tut sich ja noch mal was.
Nichts bewegt sich mehr in der Partnerschaft, weder im Alltag, noch im Urlaub noch im Bett. Die Liebe und die Anziehungskraft scheinen verloren. Aber vielleicht ändert sich meine Partnerin oder mein Partner ja noch mal.
Nichts bewegt sich mehr in der Schule. Immer nur die gleichen Cliquen. Die Lehrer ziehen ihren Stoff durch, interessieren sich überhaupt nicht für uns Schüler. Was soll ich mich da noch engagieren. Aber vielleicht ändert sich ja im neuen Schuljahr mal was.
Nichts bewegt sich mehr in der Beziehung zu meinen Freunden. Die Gespräche sind versiegt. Erst war es die Zeit, die gefehlt hat, später gab es keine Gemeinsamkeiten mehr. Jetzt wissen wir noch nicht einmal mehr die Adresse voneinander. Aber vielleicht finde ich ja später noch mal neue Freunde.
Nichts bewegt sich mehr im Alter, sagen manche. Die Menschen, die einmal wichtig gewesen sind, sind auch alt oder leben nicht mehr; die Interessen, die man einmal hatte, lassen sich nicht mehr umsetzen. Die fehlenden Kräfte verhindern ein erfülltes Leben. Aber vielleicht ruft ja heute oder morgen, oder übermorgen mal jemand an.
Ihr, liebe Konfirmanden, und Sie, liebe Erwachsene, kennen es sicher gut: Dieses Gefühl, dass sich nichts mehr bewegt oder dieses erstarrte Warten darauf: Wann passiert denn endlich mal etwas?
Auch Jesus begegnet dieser Bewegungslosigkeit immer wieder: Als er diesen Mann am Boden sieht, erkennt er die Krankheit dieses Mannes am Teich Bethesda. Es ist gar nicht einmal die Krankheit als solche. Jesus sieht dieses irrsinnige Warten auf ein Wunder. Er sieht, dass es so noch einmal 38 Jahre lang weitergehen würde. Jesus sieht, dass sich so das Wasser niemals bewegen wird für diesen Mann. Nichts wird sich verändern. Das ist das Tragische. Das ist die eigentliche Krankheit des Mannes - dass nichts in Bewegung kommt.
Und dann stellt er unvermittelt eine sehr entscheidende Frage: „Willst du gesund werden? Willst du das überhaupt?“ Sicher wollen viele das - aber es gibt auch Menschen, die richten sich in ihren kranken Strukturen ein, meistens unbewusst. Weil es einfacher ist so. Weil es so schwer scheint, mal etwas Neues zu versuchen.
„Willst du gesund werden?“ Auf solch eine Frage finden wir immer viele, viele Antworten. Diese Antworten beginnen meistens mit “ja - aber”. Der Mann am Teich Bethesda hat auch gleich eine Antwort parat. “Ja, ja. Schon. Aber es gibt ja niemanden der mich dahin trägt zum Wasser. Ich bin sogar schon selber mal dahin gekrochen. Aber ich komme immer wieder zu spät. So ist das. Leider. Ich möchte ja gerne gesund werden, aber du siehst, es geht nicht.”
„Willst du gesund werden?“ Die Antwort darauf hört sich bei uns zumeist so an:
Ja, aber ich bin schon so oft enttäuscht worden.
Ja, aber ich bin doch schon zu alt.
Ja, aber ich finde einfach keine Zeit dafür.
Ja, aber mein Ehepartner, der soll sich erstmal ändern.
Ja, aber ich habe doch schon alles probiert. Nichts hat geholfen
Ja, aber wer soll denn sonst die ganze Arbeit tun, wenn nicht ich.
Willst du gesund werden? - Ja, aber es ist doch so schwer.
Unzählige Ja, aber-Antworten gibt es. Jesus kennt solche Antworten. Antworten, denen man abspürt, dass sie keinen Ausweg mehr sehen.
Und immer wieder ist es ja tatsächlich so: Wenn wir wirklich alles versucht haben, und dann feststellen müssen: Es wird nichts besser - dann bleibt uns nicht mehr viel. Dann drohen wir zu resignieren. Dann spüren wir unsere ganze Verletzlichkeit und Ohnmacht. Und erkennen: Wir können unser Heil nicht erzwingen. Wir können unser Heil nicht machen. In solch einer Situation war vielleicht dieser Gelähmte am Teich Betesda.
Jesus erkennt die Situation des Mannes, er versteht sie auch. Und doch ist seine Reaktion überraschend. Er sagt nur: “Steh auf!”
Unglaublich, das zu hören. Direkt unverschämt! Hat Jesus denn kein Mitgefühl? Als wäre das so einfach. Vielleicht kann der Mann ja wirklich nicht?
“Steh auf! Mach schon! Lass dich nicht länger von deiner Resignation bestimmen. Geh endlich los! Hab Mut! Steh auf! - Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!”
Und das Wunder geschieht. Nach 38 Jahren nimmt der Kranke sein Leben wieder selbst in die Hand. Genau genommen nimmt er das Bett in die Hand, das vertraute Krankheitsutensil. Er war an das Bett gefesselt, nun nimmt er es in die Hand.
Es ist als ob er nun gewissermaßen die Krankheit selbst in die Hand nimmt. Er nimmt das Bett und geht. Keinen Tag länger wird er darauf warten, dass sich das Wasser bewegt. Er wird nicht mehr darauf warten, dass sich etwas in seinem Leben bewegt. Er steht auf aus der Bewegungslosigkeit und geht.
Was so einfach aussieht in dem Wunder, ist in Wirklichkeit gar nicht so einfach. Das wissen wir. Und wir wissen auch: Ob das Wunder geschieht, das haben wir nicht in der Hand.
Und doch kann es passieren, dass wir durch einen kräftigen Anstoß von außen oder innen - durch eine besondere Begegnung, eine Berührung oder ein Wort - wie durch ein Wunder plötzlich wieder auf die Beine kommen. So wie es diesem langjährigen Gelähmten mit Jesus passiert ist.
Freilich, wie dieses Wunder jeweils geschieht, kann es sehr unterschiedlich sein. In diesem Fall sagt Jesus: Steh auf! Nimm dein Bett und geh! In einer anderen Situation sagt er zum Kranken: Deine Sünden sind dir vergeben.(Mk 2,5). Oder er sagt einfach nur: Dein Glaube hat dich gesund gemacht. (Mk 5,34) Die Heilung sieht auch oft sehr unterschiedlich aus. Sie muss nicht unbedingt zu einer Beseitigung der Krankheit führen - sie kann auch darin liegen, dass es mir geschenkt wird, die Krankheit, das Leiden anzunehmen und mit ihm zu leben - anstatt mich andauernd mit allen meinen Kräften dagegen zu wehren. Entscheidend ist aber, wenn ich auf das hier genannte Heilungswunder Jesu schaue: Es kommt etwas in Bewegung. Eine Erstarrung wird durchbrochen.
Ob das ein Neubeginn in einer Ehe ist, oder ob das ein neue Initiative ist nach längerer Arbeitslosigkeit, vielleicht ein erster Schritt in einer Freundschaft, wo lange Funkstille geherrscht hat. Oder zwischen Eltern und Kindern, wo der Kontakt abgebrochen war. Es kann auch dann passieren, wenn wirklich eine körperliche Krankheit in unser Leben einschneidet. Gerade dann kann es gelingen, mit eben dieser Krankheit nicht in Resignation oder Ohnmacht zu fallen, sondern bewusst damit umzugehen. Wie sonst könnte es sein, dass Menschen an ihren schlimmen Krankheiten nicht zerbrechen, sondern auch gerade im Glauben eine Kraft schöpfen?
Steh auf und geh. Das hat auch etwas sehr energisches, kraftvolles. Jesus bringt die Energien in dem am Boden liegenden Mann, wieder zum fließen. Wie oft geschieht es, dass wir uns selbst im Weg stehen, dass wir blockiert sind mit aller unseren Verletztheit, nichts mehr spüren, von der göttlichen Kraft, die doch eigentlich in uns ist. Wenn Jesus den Menschen die Hände auflegte oder wenn sie ihn anrührten, dann konnten sie spüren, wie sie mit Gottes Kraft erfüllt wurden. Und wenn wir uns gegenseitig die Hände auflegen, in Gottes Namen, dann kann auch dort die göttliche Kraft wunderbares bewirken und Neues in Bewegung bringen.
Liebe Gemeinde,
das Wunder der Heilung, des Heil Werdens - wie auch immer es aussieht, es liegt oft direkt vor unseren Füßen. Oder sogar mitten in uns. Weshalb Jesus auch sagen kann: Das Reich Gottes ist inwendig in euch (Lk 17,21).
Aber nehmen wir es wahr? Das Heil werden beginnt dann, wenn wir bereit sind uns fragen zu lassen: Willst du gesund werden? Wenn wir uns öffnen für die Wunder, die Gottes Kraft in uns und an uns vollbringen kann, wenn wir uns von Jesus auf die Beine stellen lassen, dann machen wir uns auf den Weg, verharren nicht in kränkenden und krankmachenden Strukturen, sondern nehmen die Krankheit in die Hand, so wie der Gelähmte das Bett.
Das Wunder ist nicht, dass Jesus auf wundersame Weise alle unsere Krankheiten beseitigt. Dann wäre er nicht mehr als ein Zauberer oder Wundermann. Jesus heilt, indem er uns in der Tiefe, in unserer Seele anspricht. Und dadurch Energien in uns freisetzt. Das ist seine Zumutung. Jesus hebt uns nicht einfach hoch, sondern er bewegt uns, motiviert uns zum Aufstehen, reißt uns heraus aus unserer Erstarrung.
Er macht dadurch gesund, dass er kranke Strukturen nicht zuläßt; er macht auf kranke Strukturen aufmerksam, bricht sie auf, lässt blockierte Energien wieder fließen. Sodass Knospen in uns aufspringen, und anfangen zu blühen - auf wunderbare Weise (vgl. Lied: Alle Knospen springen auf).
Geist des lebendigen Gottes, - mit uns gegenwärtig,
komme in uns, - in Körper, Seele und Geist
und heile uns von allem, was uns krankmacht, verletzt und lähmt, - in Jesu Namen. AMEN.
Lied zur Predigt: Alle Knospen springen auf, fangen an zu blühen (EG Baden, 633)